Zeit als Machtfrage: Teresa Bücker begeistert bei Lesung in Karlstadt
„Zeit ist nicht nur Geld – Zeit ist Freiheit. Und Freiheit sollte gerecht verteilt sein.“ Mit diesen Worten fasste Verena Frey, Kreisvorsitzende von B‘90/DIE GRÜNEN Main-Spessart, einen Kerngedanken zusammen, der am vergangenen Freitag rund 200 Besucherinnen und Besucher im Historischen Rathaus in Karlstadt bewegte.
Gemeinsam mit Anja Baier, 3. Bürgermeisterin von Karlstadt, moderierte Frey die Veranstaltung.
Die Autorin und Feministin Teresa Bücker stellte dort ihr vielbeachtetes Buch „Alle Zeit: Eine Frage von Macht und Freiheit“ vor.
Die Lesung, veranstaltet vom Karlstadter Ortsverband B‘90/DIE GRÜNEN und unterstützt vom Frauennetzwerk FeMSP, der GEW und der AWO, setzte knapp drei Wochen nach dem Feministischen Kampftag, der jährlich am 8. März stattfindet, ein deutliches Zeichen für mehr Zeitgerechtigkeit in unserer Gesellschaft.
In ihrem Vortrag machte Bücker deutlich, dass die Verteilung von Zeit eng mit Machtstrukturen verknüpft ist. „Wer wird für seine Arbeit bezahlt und wer nicht? Wer kann seine Interessen vertreten und wer bleibt unsichtbar?“ Diese Fragen stehen im Zentrum ihres Buches und wurden auch in der anschließenden Diskussion mit dem Publikum intensiv erörtert.
„Strukturen, die diskriminierend wirken, ergeben sich aus menschlichem Verhalten. Sie entstehen nicht von allein. Zeitgerechtigkeit ist nicht ohne Widerstände zu erreichen, da es um Macht geht.“, erklärte Bücker. Eine gerechte Verteilung von Zeit lasse sich nur erreichen durch Rücksichtnahme, Kompromisse, Umverteilung und entlang von Werten und politischen Zielen, auf die wir uns neu verständigen müssten.
Bücker widerlegte gängige Mythen. Ein Beispiel: „Die Deutschen werden immer fauler.“ Die Autorin legte dar, weshalb diese Behauptung schlichtweg falsch sei: Im letzten Jahrhundert war das „Alleinverdienermodell“ üblich – in der Regel leistete der Mann 100% der Erwerbsarbeit und die Frau ausschließlich unbezahlte Sorgearbeit, welche in den Statistiken nicht berücksichtigt wurde. Inzwischen ist die bezahlte Erwerbstätigkeit von Frauen stark gestiegen, jedoch arbeiten Frauen meist in Teilzeit. Aus diesem Grund ist die jährliche Pro-Kopf-Arbeitszeit bezogen auf alle erwerbstätigen Menschen gesunken, obwohl insgesamt viel mehr Menschen erwerbstätig sind als noch vor einigen Jahrzehnten.
Die Veranstaltung thematisierte auch die mangelnde Repräsentation verschiedener Bevölkerungsgruppen in politischen Entscheidungsgremien. In ihrer Moderation verwies Frey auf die Notwendigkeit diverser Perspektiven für demokratische Entscheidungsprozesse.
Teresa Bücker betonte in ihrer Lesung, dass Menschen, die im täglichen „Hamsterrad“ feststecken, kaum Möglichkeiten haben, sich politisch zu engagieren. Zeitgerechtigkeit sei daher untrennbar mit sozialer Gerechtigkeit und demokratischer Teilhabe verbunden.
Mit Blick auf die bayerischen Kommunalwahlen am 8. März 2026 – symbolträchtig am Weltfrauentag – endete die Veranstaltung mit einem leidenschaftlichen Appell der Kreisvorsitzenden Verena Frey: „Frauen wollen und sollten nicht nur als Wählende gebraucht werden. Sie wollen und sollten auch die Gewählten sein!“ Sie motivierte die Zuschauerinnen aktiv zu werden und schloss mit einem Zitat der feministischen Ikone Simone de Beauvoir: „Frauen, die nichts fordern, werden beim Wort genommen. Sie bekommen nichts.“